Johann Ferdinand Bertolini (1859-1931)

Bauunternehmer und Straßenbaupionier Johann Ferdinand Bertolini

Giovanni Ferdinando Bertolini (Johann Ferdinand Bertolini) wurde am 28. Dezember 1859 als Sohn des Maurers Isidoro und der Maria Bertolini in Ramallo geboren. Seine Kindheit und Schulzeit verbrachte er in Romallo, in dem damals zu Österreich gehörenden Nonstal in Welschtirol.

Rita Bertolini erzählt in ihrem Buch "Stein auf Stein" die Geschichte eines ungewöhnlichen Arbeitszuwanderers in einer ungewöhnlichen Umgebung: nämlich das Leben ihres UrGroßvaters, des Johann Ferdinand Bertolini, der es vom wandernden Bauarbeiter zum vielbeschäftigten Bauunternehmer gebracht und in seiner Wahlheimat, dem Bregenzerwald, bleibende Spuren hinterlassen hat.

Ein weiterer UrEnkel von Johann Ferdinand Bertolini ist Walter Greber. Er hatte Caroline Marinelli geheiratet, deren UrGroßvater Andrea "Camillo" Marinelli (1847-1910) ebenfalls aus dem Nonstal stammt. Aufgrund dieser Verbindung ist die Familie Bertolini ebenfalls im Stammbaum-Netzwerk zu finden.

Kindheit und frühe Jugend

Johann Ferdinand Bertolini unterstützte seinen Vater, der sich in den Sommermonaten auf Baustellen, oft fern der Heimat verdingte. So wirkte er beim Bau der Pustertalbahn um 1871 als 12-jähriger Träger mit. Danach begleitete er seinen Vater 8 Jahre lang meist auf Straßenbauprojekten in der Schweiz. Im Kanton St. Gallen erlernte er das Maurerhandwerk. Sein Lehrherr war von seinen Leistungen und Fähigkeiten so überzeugt, dass er ihn auf seine Kosten die Bauhandwerkerschule besuchen lassen wollte, was sein Vater allerdings verhinderte, weil er seine eigene Unterstützung gefährdet sah. Beim Bau des Arlbergbahntunnels von 1880 bis 1884 brachte er es zum Partieführer und erhielt für seine Leistungen die Durchbruchsmedaille.

Vom Arlbergbahnbau in den Bregenzerwald

Ab 1885 errichtete er als "Akkordant" erste Bauwerke im Bregenzerwald wie die Bogenbrücke Schwarzenberg–Andelsbuch und die Bierkellerei Metzler in Schwarzenberg. Mit der Vertragsunterzeichnung von Johann Berlinger am 11. April 1888 kam es zur Straßenausführung Amagmach/Egg. Nach dem Bau einer Reitbahn mit Stallungen in Karlsruhe (1888) kam er nach Egg zurück und besorgte die Aufstellung und Vernietung der Fluhbrücke.

1890 erfolgte der erste Spatenstich für den Neubau des Schulhauses in Bezau sowie der Fundamente des Kirchturms und der Kirchenmauern in Egg. Die Bierkellerei Geser, Andelsbuch, die heute als Ausstellungsfläche von Handwerk+Form dient, wurde 1891 gebaut. Der Bau der Ziegelei (mit Wohnhaus, 1892) in Bezau sicherte die Ziegellieferung in der Region. Die Brauerei Egg entstand 1893 und im darauffolgenden Jahr der Löwensaal (ebendort).

Bertolini - Baumeister der Flexenstraße

Der 3. August 1895 war der Baubeginn für die Flexenstraße von Stuben über den Flexenpass nach Lech bis Warth. Am 11. Oktober 1897 weihte man das erste Teilstück bis zur Passhöhe ein. Die Straßenbreite betrug zunächst drei Meter. Das Foto zeigt die Flexenpassstraße mit Brücke über das Hölltobel anno 1897.

Fertigstellung der Flexenstraße anno 1897
Fertigstellung der Flexenstraße anno 1897

Bregenzerwaldbahn und Straßenbauprojekte

Hunderte von Trentiner Arbeitern arbeiteten 1901 die Trasse der Bregenzerwaldbahn aus dem Fels der Bregenzerachschlucht heraus. Bertolini übernahm den Bau von Teilstücken wie die Strecke Andelsbuch–Bersbuch sowie einige Brückenbauten.

Mit dem Straßenbau, wie der Straße Bezau–Bizau, der Damülser Straße – diese bestand u. a. aus Rigolen und mehreren Brückenbauten –, der Bayenbrücke Bezau, der Straße Bahnhof Lingenau-Moos und der Klausenstraße Mellau, konnten weitere Dörfer des Bregenzerwaldes an das moderne Verkehrsnetz angebunden werden. Der Drahtsteg Langen–Buch über die Bregenzer Ach verband die Bewohner von Buch mit der Haltestelle der Bregenzerwaldbahn. Zur Ausführung des Walserschanzstraßenprojekts mit zwei Bogenbrücken, deren Brückenkränze aus Beton (nach dem Prinzip von Joseph Monier) die Druckbelastung übernehmen, kam es 1908. Das Viadukt über den Krumbach bei Warth (sieben Brückenkränze mit Schlusssteinsetzung) bildete 1909 die Endverbindung der Flexenstraße. Mit dem Bau der Konkurrenzstraße Mellau–Hirschau 1911 wurde das seinerzeit größte Verkehrshindernis der ganzen Linie beseitigt.

Elektrizitätswerke im Bregenzerwald

Angesichts der zunehmenden Industrialisierung betrieben modern denkende Bauherren, wie Michael Moosbrugger von der Bruggmühle in Egg und Franz Josef Natter mit Josef Feuerstein in Bezau, erste Elektrizitätswerke im Bregenzerwald. Neben deren Häusern erstellte Bertolini zudem den Stollen für das Elektrizitätswerk in Egg (1907) und einen 300 Meter langen Kanal für das E-Werk Natter in Bezau (erstes E-Werk im Bregenzerwald).

Bürgerliche Häuser in Stein

Bald führte Bertolini nicht nur Verkehrsbauten innerhalb und außerhalb des Bregenzerwaldes, sondern öffentliche Gebäude und zunehmend bürgerliche Wohnhäuser aus. Seine Auftraggeber wollten keine Holzbauten mehr, sondern, wie etwa Kaspar Ritter in Egg, bürgerliche Häuser aus Stein – mit entsprechend gestalteten Fassaden und Dächern.

Haus von Kaspar Ritter in Egg
Haus von Kaspar Ritter in Egg

Als Beispiele für eine solche Architektur der Moderne im Bregenzerwald zeugen bis heute u.a. das Farbriksgebäude Hammerer & Kessler und das Sparkassengebäude (beide in Egg), Bad Hopfreben in Schoppernau, der Gasthof Taube in Alberschwende, das Kapuzinerkloster Bezau und der Schießstand Egg von dem damaligen Bauboom.

Die Bahnhofsrestauration Egg (1909) in klassischer Verblendarbeit erbaut mit sichtbaren Fachwerk im turmartigen Erker des Mittelrisalits, das Hotel Dorner in Hittisau – ein palaisartiges Gebäude, dessen Eingangsportal mit einem Mittelrisalit und Rundbogenfenstern betont war – und die Schule in Jodok Finks Heimatort Andelsbuch, ein Bau im Stil des bürgerlichen Historismus, fielen in den 1970er/1980er Jahren der Spitzhacke zum Opfer.

Bahnhofsrestauration Egg anno 1909
Bahnhofsrestauration Egg anno 1909

Spätere Bauten

Trotz des Ersten Weltkriegs konnten Bauten wie der Wuhrbau Au-Lugen, 1915, und das Sägewerk Natter sowie der Wuhrbau Bezau, beide 1916 verwirklicht werden. 1920/1921 verlängerte Bertolini die Kirche Schwarzenberg, deren Innenraum mit den Apostelköpfen der Malerin Angelika Kauffmann ausgestattet ist. Im Jahr 1922 wurde die Straße Rindberg Sibratsgfäll, 1923 der Dorfplatz Sulzberg mit zentriertem Brunnen gebaut. Das Wohn- und Verwaltungsgebäude sowie das Fabriksgebäude Lang in Egg bildeten in den Jahren 1922–1924 den Abschluss von Johann Ferdinand Bertolinis Bauunternehmungen.

Quellen: Buch "Stein auf Stein" von Rita Bertolini, Wikipedia