Vor Kurzem fiel mir eine Szene aus meiner Kindheit ein, die mir damals kaum bedeutend erschien, heute aber viel in mir auslöst. Ich war ein kleiner Bub und sollte für meine Mutter etwas besorgen. In der Hohenemser Marktstraße, gleich neben dem Samenhändler Eigeldinger, gab es ein kleines Geschäft für Nähbedarf. Die Besitzerin hieß Schnell und stammte offensichtlich aus dem Bregenzerwald.
Als ich den Laden betrat, sprach sie mit mir, als wäre ich ein Verwandter. Sie meinte, sie kenne „uns“ aus dem Bregenzerwald. Damit konnte sie nur meinen Großvater mütterlicherseits meinen, denn er stammte tatsächlich aus Au im Bregenzerwald. Meine Mutter hingegen war in Hohenems geboren – über sie konnte keine Verbindung bestehen.
Ich erzählte meiner Mutter davon, doch sie konnte mit dieser Aussage nichts anfangen. Ich hätte besser meinen Großvater gefragt. Aber er sprach kaum über seine Herkunft, und da er schlecht hörte, ließ ich es bleiben. Heute bin ich überzeugt, dass er viel wusste – nur wurde dieses Wissen nie weitergegeben.
In unserer Familie wurde über Verwandtschaft kaum gesprochen. Für uns Kinder gab es Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten – weiter reichte unser Blick nicht. Dass es noch mehr Verwandte geben könnte, war uns schlicht nicht bewusst.
Weder meine Eltern noch meine Großeltern erzählten etwas über ihre Vorfahren. Nur ein Grab in Altach, in dem meine Urgroßmutter beerdigt wurde, gab mir einen ersten Hinweis. Dass mein Urgroßvater und drei seiner Kinder in Bitsch, Lothringen, beerdigt wurden, erfuhr ich erst viele Jahre später.
Erst im Erwachsenenalter begann ich, die familiären Linien zu verstehen. Warum dieses Wissen früher nicht geteilt wurde, bleibt mir bis heute ein Rätsel.
Umso dankbarer bin ich, dass ich mich der Ahnenforschung zugewandt habe. Sie hat mir ermöglicht, einige meiner Verwandten persönlich kennenzulernen und viele Zusammenhänge zu begreifen, die mir lange verborgen blieben. Mein Stammbaum-Netzwerk hat mir ein vollständiges Bild meiner Herkunft geschenkt. Die Menschen darin sind für mich lebendig – selbst jene, die längst verstorben sind.
Immer wenn ich im Stammbaum den Namen „Schnell“ sehe, denke ich an jene Begegnung im Nähwarengeschäft. Eine direkte Verbindung konnte ich bisher nicht feststellen – aber vielleicht war sie der erste Hinweis auf eine Geschichte, die ich Jahrzehnte später entschlüsseln durfte.
Heute erfüllt mich diese Erinnerung mit Freude und Dankbarkeit. Ich kenne meine Wurzeln – und das ist ein großes Geschenk.
Otmar Mayr, Ahnenforscher und Betreiber der Plattform verwandten.info